Erneutes Selbstmordopfer in ZP-Reichenau

Geschrieben am Juni 6th, 2008 ·

Traurige Bilanz im Zentrum für Psychiatrie Reichenau-

Schon wieder hat ein Patient des ZP-Reichenau Selbstmord begangen. Am vergangen Freitag, 30. Mai um 8.55 Uhr, sah der 58 jährige Mirko G. aus Tuttlingen keinen anderen Ausweg mehr. Noch am gleichen Tag seiner Entlassung warf er sich auf die Gleise des ZP-Reichenau. Laut Informationen, die Herrn Vogel vorliegen, benachrichtigte ein Patient das Personal über die Selbstmordabsichten und den desolaten Zustand Herrn Mirko.G. an seinem Entlassungstag. Zwei Pfleger, die Mirko G. daraufhin nacheilten kamen jedoch zu spät. Nach einem Monat Aufenthalt auf der Station 60 im ZP-Reichenau beschloß der wegen starker Suizid-Gefährdung aufgenommene Patient, seinem Leben endgültig ein Ende zu setzen .

www.selbstmordopfer.de

„Er fühlte sich nicht gut aufgehoben, fühlte sich in seiner Situation völlig alleingelassen. Ein Arztgespräch pro Woche, Gruppengespräche mit extrem antrengenden Mitpatienten und den ganzen Nachmittag Langeweile, das war keine Hilfe für meinen Vater. Dabei sah er ursprünglich das ZP-Reichenau als letzte Hoffnung, als Hilfe in seiner Erkankung“, so die Tochter des Verstorbenen. Eine Mitpatientin erzählte Mirko G. zuvor noch von ihrer eigenen Hilflosigkeit, da ein behandelnder Arzt ihr mitgeteilt hatte, dass man im Grunde sowieso nicht helfen kann. Aus diesem Gefühl keine adäquate Hilfe zu finden, muß der als ansonsten sehr charakterstarke nunmehr aber kranke Mann als einzigen Ausweg den Selbstmord gesehen haben, vermutet die Tochter.

Herr Vogel, IT-Manager, machte bereits Mitte Mai 2008 mit einer Protestaktion auf etliche Selbstmordopfer des ZPR alleine in diesem Jahr aufmerksam. Er stand dazu selber auf die Schienen mit einem Protestplakat. Desweiteren führte ein ausführlicher Bericht zur Situation der Selbstmordopfer zur Sensibilisierung und zum Aufhorchen in der Gesellschaft für großes Aufsehen . Seinerzeit geführte Gespräche mit der Leitung des ZPR, dem Regierungspräsidium und der Deutschen Bundesbahn lösten jedoch keine nennenswerten Reaktionen in Bezug auf verstärkte Präventions- bzw. veränderte Therapiemaßnahmen oder andere Wege aus.

Dieser erneute tragische Fall eines hilflosen Patienten ist dem Regierungspräsidium Freiburg bekannt. Herr Müller-Brehmberger, Pressesprecher, bedauert diesen erneuten Vorfall sehr, kann aktuell jedoch keine weiteren Aussagen dazu machen.

Was bleibt ist die Trauer der Hinterbliebenen, aber vor allem aber bleibt die Frage:
Wie viele werden noch auf den Gleisen des ZP-Reichenau sterben?

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Geschrieben am Mai 30th, 2008 ·



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Patienten auf dem Abstellgleis

Geschrieben am Mai 19th, 2008 ·

” Schweizer Bundesbahn liegt in Führung “-

Reisende kann man nicht aufhalten ?

Herr Thomas Vogel, gelernter Altenpfleger und heutiger IT-Manager, hat seit über 10 Jahren persönlichen Kontakt zu vielen Patienten aber auch Pflegepersonal aus dem ZP-Reichenau. Im Laufe regelmässiger Besuche im dortigen öffentlichen Cafè und im „Treffpunkt“ hat er ehrenamtlich vielen Patienten in Form von verständnisvollen Gesprächen betreut.

Herr Vogel hat nach seiner Altenpflegertätigkeit die Arbeit als Bestatter aufgenommen und arbeitete u.a. auch für das Bestattungsinstitut Wengert in Konstanz. Durch diese Arbeit hat er sich intensiv mit dem Thema Tod auseinandergesetzt , aber auch die Thematik der Suizide von ZP-Patienten in ihrer vollen Bandbreite noch eindringlicher erfahren.

Thomas Vogel auf den Gleisen

Aus diesem Wissen heraus ging er über Jahre hinweg ganz bewusst die Wege an den dortigen nah gelegenen Bahngleisen entlang, um Menschen, die sich das Leben nehmen möchten retten zu können. Das gelang ihm auch in einigen Fällen.

In einem besonders tragischen Fall gelang es ihm zwar eine junge Frau von den Gleisen zu holen, sie stand unter starkem Medikamenteneinfluss, konnte aber nicht verhindern, dass es dieser suizidgefährdeten Frau vor wenigen Wochen gelang, erneut auf die Gleise zu gehen. Sie kündigte vor Patienten an, dass sie sich am Mittag das Leben nehmen wolle und zuvor noch baden gehe, da sie im reinen Angesicht vor den Schöpfer treten wolle, so Augenzeugenberichte. Sie nahm sich am gleichen Tag noch das Leben, auf den Gleisen - Frau Sabrina T. war erst 19 Jahre alt.

Ein einschneidendes Erlebnis für Herrn Vogel war das Schicksal einer Bekannten, ebenfalls ZPR-Patientin. In seiner Arbeit als Bestatter wurde ihm aufgetragen, die sterblichen Überreste eines Suizid von den Bahngleisen zu bergen. Genauso schockierend wie so vom Tod seiner Bekannten zu erfahren, war mit ansehen zu müssen, wie bei seinem Eintreffen an den Gleisen im Morgengrauen ein Rabe ein großes Fleischstück davontrug – von der Toten.

Seit diesem Zeitpunkt ist Herr Vogel dabei, in unglaublich vielen Gesprächen und Aktionen Aufklärungsarbeit zu leisten, Patienten vom Selbstmord abzuhalten, Mitarbeiter des Klinikums zu sensibilisieren aber auch die Öffentlichkeit auf diesen nicht zu tolerierenden Zustand aufmerksam zu machen.
Mit Herrn Höcker, Leiter des ZPR, wird er sich ebenso am Dienstag, 20. Mai 2008 zu einem Gespräch treffen.

Seit langer Zeit schon melden sich bei Herrn Vogel Busfahrer der städtischen Linie, um von erneuten Suiziden zu erzählen. Aber auch Patienten vom Gelände der ZP-Reichenau rufen ihn an, wenn wieder ein Mitpatient den Tod gewählt hat.

Zu seinem nun sehr eindinglichen Engagement, Suizidopfern entgegenzuwirken – und Suizide sind Opfer, die Menschen erbringen, um unerträglichen Situationen zu entgehen – hat der Tod eines Freundes Herrn Vogels, Herr Markus H., geführt.
Markus H. wählte am 08. Mai 2008 den Tod auf den Gleisen. Er war selbst als Bestatter tätig und mit Suiziden von Reichenauer Patienten konfrontiert. In einer Lebenskrise geriet er in die Situation, adäquate Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen und kam so kurzfristig in die ZP-Reichenau. In dieser Zeit war er auch hin und wieder mit dem Fahrrad in Konstanz unterwegs. An seinem Todestag wurde er ebenso in der Stadt gesehen. Zu diesem Zeitpunkt allerdings stand er unter starker Medikamenteinwirkung und war völlig verwirrt, was u.a. auch zu einem Sturz führte. Vertrauliche Informationen, die Herr Vogel erhalten hat, lassen wissen, dass Markus H. sehr darunter litt, einer jungen Ärztin ausgeliefert zu sein. Er erwähnte immer wieder, so die Informationen, dass er seiner Meinung nach viel zu hohe Medikamentendosen erhielt. Ebenso war geplant, ihn in einer Behindertenwerkstätte unterzubringen, was für ihn ein unerträglicher Gedanke war. Dies teilte er auch immer wieder Freunden mit.

Sein Rechtsanwalt und Betreuer, Dr. Stutz aus Konstanz, bedauert diesen völlig unerwarteten Suizid. Ebenso erstaunt über diesen Selbstmord äußern sich Mitarbeiter des Bestattungsinstitutes Allemania aus Konstanz, bei welchem Markus H. meherer Jahre tätig war.

Zur Thematik der Selbstmordopfer der Reichenau erklärt der Pressesprecher der Kriminalpolizei Konstanz, Herr Aschenbrenner, dass diese Vorfälle bedauert werden, jedoch tiefergehende Nachforschungen nur als Folge einer Anzeigen oder im Auftrag der Staatsanwaltschaft eingeleitet werden können.
Wegen unterlassener Hilfeleistung sowie der fahrlässigen Tötung arbeitet Vogel mit Angehörigen sowie der Unterstützung seines Anwaltes an einer Klage.

Auch Gespräche mit dem Regierungspräsidium Freiburg, hier Pressesprecher Herrn Müller-Brehmberger, führten zu keiner weiteren Klärung. Herr Müller-Brehmberger bedauerte diese Vorfälle und machte darauf aufmerksam, dass Psychiatrische Einrichtungen nicht dem Regierungspräsidium unterstehen und verwies auf das Sozialministerium mit welchem Herr Vogel Kontakt aufgenommen hat.Allerdings, so Herr Müller-Brehmberger, werde aufgrund dieser nun vorliegenden Meldungen vom Referatsleiter des Regierungspräsidiums ein Schreiben verfasst, mit dem Hinweis, dass ernstzunehmende Hinweise und Sorge an das Präsidium herangetragen worden sind. Dieses Schreiben geht an das ZP-Reichenau.

Jeder Selbstmord ist ein tragisches Schicksal, welches Fragen aufwirft, deren Beantwortung jedoch ein schwieriges Unterfangen für Angehörige ist. Auf die besondere Problematik des ZP-Reichenau macht Herr Vogel mit einer eigens eingerichteten Internetseite www.selbstmordopfer.de aufmerksam.
Auch ist diese Seite zum Gedenken an weitere Selbstmordopfer eingerichtet worden. Namentlich aufgeführt werden in den kommenden Wochen über 50 Menschen, die im Laufe der Jahre Patienten des ZPR waren und den Tod wählten , so auch das Schicksal von Brigitte H., die immer ein Junge sein wollte. Ihr erster Suizid auf den Gleisen misslang, sie verlor Arme und Beine. Im Rollstuhl gelang ihr dann der zweite Versuch als Selbstmordopfer .

Auch an Frau Inge J. möchte Vogel erinnern, sie hatte Angst, dass man sie in das Altersheim Blumenfeld abschieben würde.
Ebenso soll die Erinnerung an die zwei Frauen Manuela K. und Carmen J. aufrecht erhalten werden . Sie litten unter der besonders strengen Führung auf Haus 17, Station 26, so die Behauptung einiger Patienten.

Maria W., starb 2007 als sie im 8. Monat schwanger auf die Bahngleise ging. Bereits auf der Station erzählte sie immer wieder eindringlich von ihrer Angst vor der Entbindung – so eine Patientin, die von ihrem Plan wußte .

Da die Selbstmordopfer meist unter starkem Medikamenteneinfluss stehen, so Herr Vogel, sind sie letztlich Opfer und tragen keine Verantwortung für ihr Handeln.

Diese Menschen stehen für eine lange Reihe Selbstmordopfer – und hier ist jeder Tote zuviel. Herr Vogel war vergangen Woche mit einem Plakat zum Protest auf dem Bahnhof Reichenau, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Menschen in vorbeifahrenden Zügen lachten ihn teils aus und langten sich an den Kopf, andere jedoch unterstützen ihn.

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